Der Brückenbauer

Beitragsbild: © Bubu Dujmic

LONG READ. Okay, wir haben es nicht geschafft, Ali Mahlodji zu treffen – und nicht mit ihm zu sprechen. Ein Austausch über sein neues Buch, Optimismus, Staunen und Empathie – und wie wichtig das Vorlesen ist.

Geboren im Iran, aufgewachsen im Flüchtlingsheim – Ali Mahlodji schaffte es vom stotternden Schulabbrecher über 40 verschiedene Jobs bis in die Top-Management-Ebenen eines IT-Unternehmens. Ein Burn-out veränderte plötzlich alles. Heute ist er Gründer von whatchado, CEO von futureOne, EU-Jugendbotschafter, Bestseller-Autor und gefragter Keynote-Speaker, der junge Menschen, Führungskräfte und Unternehmen durch den Wandel begleitet. In seinem neuen Buch „(Null) Bock auf Arbeit“ schreibt er über Selbstführung sowie kontinuierliche Kompetenzentwicklung.

Alle Fragen des Long Read im Überblick:

    Wenn du willst, kann ich dir diese Liste auch noch kompakt nur mit den reinen Fragen ohne Zusatz erstellen, damit sie super übersichtlich ist. Willst du, dass ich das mache?

    Was war dein erstes Gefühl, als du dein frisch gedrucktes Buch vor dir hattest?  

    Ich hab’s in der Hand gehabt und plötzlich ist eine Träne rausgeschossen. Ich dachte, ich wäre abgeklärt — war ich nicht. Plötzlich kam alles hoch: die Nächte, der Druck, die Arbeit. Es war eine Mischung aus Erleichterung, Stolz und dem Gefühl: „Boah, das war wichtig.“ Total krass, wenn du plötzlich dieses Ding siehst, an dem so viele Leute mitgearbeitet haben.

    Das Buch endet mit „Zukunft ist jetzt“. Welche Entscheidung sollte heute jeder treffen?  

    Akzeptieren, was ist — und dann Verantwortung übernehmen. Nicht rumjammern „die Politik, der Chef, das System“ — sondern schauen: Was kann ich wirklich beeinflussen? Wenn du das akzeptierst, kannst du anfangen zu handeln. Radikale Selbstverantwortung heißt nicht, alles allein machen, sondern die Frage: „Wo packe ich an?“ statt „wer ist schuld?“

    Warum ist Optimismus für dich keine naive Haltung, sondern eine professionelle Einstellung?  

    Weil es sonst keinen Sinn macht. Optimismus heißt nicht mit rosaroter Brille durch die Welt zu laufen. Es heißt: Realistisch hinschauen, die Probleme benennen — und trotzdem handeln, weil das die einzige Chance ist, dass sich was ändert. Wenn du nur pessimistisch bist, trägst du nichts bei. Der echte Optimist sieht das Scheißzeug und tut trotzdem was. Das ist kein Feel‑Good, das ist eine Einstellung.

    Du plädierst für Staunen als tägliche Praxis — warum?  

    Weil, wenn du aufhörst zu staunen, bist du mental tot. Geburt, Natur, wie ein Körper sich heilt — das ist alles unfassbar. Staunen macht neugierig, demütig und kreativ. Es hält dich offen, und lässt dich nicht zynisch werden. Ich will bis zum Ende meines Lebens staunen können — egal, ob das spirituell erklärt wird oder nicht. Staunen ist Energie.

    Wie kann man Empathie trainieren?  

    Zuhören, ohne zu unterbrechen. Ganz simpel: Einer erzählt, der andere hört nur zu, fünf Minuten Stille danach. Das ist hart, fühlt sich komisch an — aber es wirkt. Empathie heißt auch: die Person hinter der Rolle sehen. Nicht nur „der Chef“ oder „der Nazi“, sondern das Mensch sein sehen. Wer keine Empathie hat, spürt sich selbst nicht. Arbeite an dir, dann kannst du bei anderen mitfühlen, ohne dich zu verlieren.

    Purpose zahlt keine Rechnungen — wie antwortest du dem Kritiker?  

    Purpose zahlt vielleicht nicht immer sofort die Miete — aber er gibt dir Energie. Wer einen Sinn sieht, hält länger durch, auch in harten Jobs. Viktor Frankl hat das gezeigt: Sinn trägt. Klar brauchen wir faire Löhne und Sicherheit. Aber ohne Sinn sitzen viele nur Dienst nach Vorschrift ab. Firmen, die Sinn vermitteln, bekommen engagiertere Leute. Und: Du kannst in jedem Job Wirkung finden, wenn du suchst. 

    Self‑Leadership — wie trainiert man das?  

    Mach dir klar: Wofür bist du verantwortlich? Gesundheit, Beziehungen, Zeit, Lernen. Dann setz kleine Routinen, mach Wochen‑Reviews, such dir Accountability‑Partner. Probiere, statt nur zu reagieren. Selbstführung heißt, bewusst Entscheidungen zu treffen, Preise zu kennen (was zahle ich wo?) und unabhängig von allem Außen handlungsfähig zu bleiben. Übung macht dich handlungsfähig.

    Wie integrierst du KI in deinen Arbeitsprozess?  

    KI ist mein Sparringpartner. Die Idee und das Denken müssen von mir kommen, dann nutze ich KI zum Testen, Formulieren, Gegenchecken. Ich hab sogar einen Ali‑Klon gebaut — mit meinen Texten, Videos, Gedanken. Aber Vorsicht: Wenn du alles auslagerst, verlernst du Denken. Erst selber denken, dann KI holen. Sonst wird der Assistent zum Meister.

    Welche Bedeutung haben Vorlesen und Lesen in einer Gesellschaft?  

    Vorlesen ist die wichtigste Beziehungsarbeit überhaupt: Stimme, Zeit, Aufmerksamkeit — das baut Sprache, Vorstellungskraft und Bindung – wir erleben eine gemeinsame Geschichte. Lesen trainiert Tiefe, Konzentration und kritisches Denken. In einer digitalen Welt sind das Skills, die unverzichtbar bleiben: Ohne sie wirst du manipulierbar und kurzatmig. Vorlesen und Lesen sind Grundstein für eine freie, kreative Gesellschaft.

    Wie kann man Vorlesen in Schulen oder zu Hause fördern?  

    Erwachsene müssen vorleben. Kinder kopieren uns — also lies selbst, zeig Freude. Schulen: Wahlfreiheit bei Texten, Lesefreiräume, Lesepartner. Zuhause: kein Zwang, sondern Geschichten als Nähe‑Ritual. Digitales ergänzen, aber nicht ersetzen. Mach Lesen lustvoll, nicht zur Pflicht — dann klappt’s.

    „Wenn du aufhörst zu staunen, bist du mental
    tot. Ich will bis zum Ende meines Lebens staunen
    können – egal, ob das spirituell erklärt wird
    oder nicht. Staunen ist Energie“,

    so Ali Mahlodji

    Hast du Leserituale?  

    Ja: mehrere Bücher parallel, immer was in der Tasche. Durch meinen Alltag mit  den Kindern komme ich selbst meist nach 21 Uhr zum Lesen. Ich lese, solange’s mich packt; wenn nicht, leg ich das Buch weg. E‑Books nutze ich, aber gedruckte Bücher bleiben mein Ding. Früher habe ich mehr gelesen — heute ist es gezielter, abhängig davon, was ich gerade brauche.

    Gibt es ein Buch, das dein Leben oder dein Denken stark beeinflusst hat?  

    Der Alchimist — hat mir in einer harten Phase die Erlaubnis gegeben, auf die Suche zu gehen. Und „The Divine Matrix“ von Gregg Braden — das hat mir erklärt, dass es tiefere Zusammenhänge geben könnte. Beides hat mich neugierig gehalten auf das Leben und die Welt.

    Wie wählst du neue Bücher aus?  

    Ich laufe durch Buchläden, lasse mich ansprechen. Vieles ist Intuition: Cover, Titel, eine Seite reinlesen. Früher Biografien, heute Mischung aus Sachbuch, Biografie und Themen, die mich gerade weiterbringen.

    Gibt es ein Buch, das du jungen Menschen empfehlen würdest?  

    Das soll nicht überheblich oder arrogant klingen, aber mein eigenes: „Entdecke dein Wofür“. Viele junge Leute schreiben, dass es ihnen Orientierung gab. Und zusätzlich „Der Alchimist“ — beides hilft, sich auf die Suche zu machen. 

    Welche Methode hat dir bei deinem Restart geholfen?  

    Der Prozess ist immer ähnlich: Erst Verleugnung, dann der Schock, Tal der Tränen, dann Akzeptanz und schließlich Neuorientierung. Bei mir waren Wichtig: Stille — Zeit, um ehrlich zu reflektieren; Leute, die mich auffangen — echte Freunde, keine Ratgeber; und die Frage: „Welche Geschichte will ich erzählen?“ Ich hab mich inspiriert, viel gelesen, Menschen getroffen, neue Sachen ausprobiert. Manchmal hilft Wut, manchmal ein Schicksalsschlag — wichtig ist, nicht im Opfermodus zu hängen bleiben, sondern kleine Schritte zu machen.


    Ali Mahlodji in seinem FutureOne Space in Wien. © Bubu Dujmic

    Welchen Rat würdest du einem Jugendlichen kurz vorm Aufgeben geben?  

    Erst mal: Du darfst frustriert sein — das ist okay. Aber dann such dir Leute, die dich auffangen, und mach einen kleinen Plan. Nicht sofort die große Welt, sondern ein erster Schritt: Kurs, Praktikum, Job, Gespräche. Und hör auf, nur auf andere zu zeigen — übernimm Verantwortung. Schule ist nicht alles, Fehler sind erlaubt. Probier aus, bleib neugierig. Wenn du in vier Jahren noch jammerst und nur anderen die Schuld gibst, dann brauchst du auch nicht zu mir kommen, denn dann hast du die Zeit vergeudet. 

    Was macht einen professionellen Brückenbauer aus?  

    Er mag Menschen, er versteht verschiedene Welten und er setzt Grenzen. Ein guter Brückenbauer übersetzt Rollen, Bedürfnisse und Logiken — und bleibt klar in der Sache. Er ist kein weichgespülter Vermittler, sondern jemand, der hart inhaltlich arbeitet und menschlich bleibt. Moderationsskill, echtes Interesse und die Fähigkeit, die Person hinter der Rolle zu sehen — das ist das Handwerkszeug.

    Was ist die häufigste innere Blockade bei Führungskräften?  

    Selbstzweifel: „Mache ich das richtig?“ Viele warten auf Signale von außen und reagieren statt vorneweg zu gehen. In einer unsicheren Welt ist das tödlich. Die Lösung: Kleiner experimentieren, schnell lernen, adaptieren. Angst ist normal — Problem ist, wenn sie lähmt. Gute Führung heißt, trotz Zweifel zu handeln und die Organisation lernfähig zu machen.

    Welche Lehre deiner Mutter prägt dich täglich?  

    „Hör auf dein Herz, nimm dein Hirn mit.“ Und: Bildung ist heilig. Meine Mutter hat mir eingebläut, dass niemand entscheiden darf, wer du bist. Sie hat dafür gesorgt, dass Lernen möglich ist, auch ohne Geld. Das hat mich geprägt: Mut, hart zu arbeiten, neugierig zu bleiben und trotzdem auf Intuition zu hören.

    Welchen Ali erleben deine Kinder?  

    Ich bin Spielkumpan und General zugleich. Viel Nähe, viel Unsinn machen — aber klare Regeln, wenn’s sein muss. Wenn Mama weg ist, bin ich der, der um 20 Uhr sagt: Bett. Danach bin ich wieder der lockere Papa. Die Mischung funktioniert.

    Was war die härteste Entscheidung in deiner Karriere? Und würdest du sie wieder so treffen?  

    Die härteste Erfahrung war, zu lange in toxischen Jobs auszuharren. Ich hab aus Angst und Ego immer weitergemacht, bis ich komplett am Ende war — Burnout, Panik. Rückblick: Ich hätte früher gehen sollen. Würde ich es wieder so machen? Nein. Heute weiß ich: Bleib nicht an Dingen hängen, die dich kaputtmachen. Loslassen ist oft der einzige Weg, um wieder lebendig zu werden.

    Welches Feedback hat dich am meisten bewegt?  

    Jugendliche, die sagen: „Danke, jetzt weiß ich, ich muss was ändern.“ Oder Menschen, die nach einem Vortrag wieder Lebendigkeit im Job gefunden haben. Noch besser: Leute, die danach ihr Leben radikal umstellen — kündigen, neu anfangen — und sagen, das habe ich dir zu verdanken. Das rührt mich jedes Mal.

    Ein Ort, wo du abschalten kannst?  

    Beim Barber ums Eck, mein türkischer Friseur — da ist Ruhe. Und im „Chez Bernard“ auf der Mariahilfer Straße, mein Happy Place. Alleine sein, Leute schauen, Kaffee trinken — das lädt mich auf. Ich liebe es, allein essen oder ins Kino zu gehen. Alleinsein macht mich klar.

    (Null) Bock auf Arbeit – Wie du wirst, was morgen zählt, von Ali Mahlodji, ist im GABAL Verlag erschienen. Erhältlich im stationären Buchhandel.


    INFO: ali.do

    Carla Hoffmann
    Carla Hoffmann
    Redakteurin Vormagazin

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