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Samstag, Juni 25, 2022

Arrivaremo a Roma

Das erste Mal wieder reisen „nach Corona“ und ich tu mir schwer im Tourist sein. Ich weiß nicht, ob eine weltenbummlerische Grundveranlagung verloren gehen kann, aber es fühlt sich so an. Und nach den Venezianischen „Touristen raus“ Graffitos kann ich gar nicht anders, als zu tiefst beschämt über meinen Touristenstatus zu sein.

Sehnsüchtig habe ich auf den Urlaub gewartet und jetzt, wo es soweit ist, will ich bestmöglich untertauchen und unbemerkt im Boden untergehen. Ich habe außerdem eine Krankheit aufgeschnappt: die Fremdscham für deutschsprachige Touristen. Sobald ich ein entferntes Echo von Deutsch auf der Straße höre, distanziere ich mich bewusst davon. „Der Typ da? Non lo so. Non parlo tedesco“ gerne auch auf Chinesisch, aber nicht auf Deutsch. Meine Reisebegleiter und ich fangen an, so leise wie möglich ein maximal nasales Wienerisch zu sprechen, um ja nicht mit den deutschen Touris assoziiert zu werden.

Wir sind spät unterwegs, die Füße tun weh, denn Rom erkundet man als Tourist am besten zu Fuß. Ein letzter Stopp für heute und wir fahren: mit der Metro! Ein rotes Schild mit einem großen „M“ zeigt den Weg an.
Die U-Bahn in Rom hat nur drei Linien. Die Stationen kann man leicht im Kopf behalten weil sie nach bekannten Sehenswürdigkeiten benannt sind. Die nähste Station an unserer Bleibe ist die Station „Colosseo“ – leicht zu merken, wie der „Stephansplatz“ in Wien. Ein Grund warum ich mir schwer tue, mich innerhalb ein paar Tage ein- und wieder auszubürgern, sind meine ständigen Vergleiche mit Wien. „Ach, das ist so wie in Wien an Ort XY…“ pflege ich ständig zu sage. Der Horizont meiner U-Bahn-Stationen-Kenntnis ging jedoch nie weiter als vom vertrauten „Colosseo“ bis zur Station „Ottaviano-S, Pietro Museen Vaticani“.

©Ilaria Piras, Pixabay

In der Metro bekommt man nichts davon mit, dass es draußen schon Nacht sein sollte. Die Station ist überdacht, das Licht ist ungewohnt kühl und flackert ein bisschen. In dieser Stadt werden die Abende und Nächte anders gelebt als in Wien. Es ist ganz normal einen Tisch für 21:00 im Außenbereich zu reservieren ohne die verheißungsvolle Vorahnung haben zu müssen, dass dieser um 22:00 abgeräumt werden muss – siehe Wiener „Abendruhe“ und „Lärmbelästigung“ – oder die Küche kurz darauf schließt – siehe „die Gute Wiener Sitte“. Die Metro Stationen sind alte Gemäuer, in denen die Stimmen der Fahrgäste ungewohnt hallen. In den Ecken sind Lautsprecher befestigt, aus denen Pop-Musik kommt. Es ist der italienische Radiosender „radiom2o“. Zu den Zügen, also „ai treni“ der Linie B Richtung „Rebibbia“ geht es immer den Pfeilen am Boden nach.

Spätestens beim Ticketautomaten am U-Bahn-Eingang sind wir trotz nasalem Wiener Genuschel klar als Touristen zu erkennen. Wo kauft man hier die Fahrkarten? Ohne darf man bekanntlich nicht einsteigen. Am besten einfach den anderen Fahrgästen nachmachen und die Debit-Karte an den Kartenlesen neben der Flügeltüre halten (was bei dieser Aktion abgebucht wurde, weiß ich bis heute nicht, hoffentlich das billigste Ticket).

Der Zug ein. Die Wagons sind erstaunlich leer und wir scheinen jetzt vorwiegend von BewohnerInnn umgeben zu sein. Rom ist, wie gesagt, für Touristen am besten zu Fuß zu erkunden. In der Not nicht als Touristen aufzufallen kommt es dazu, dass wir ungewollter Weise besonders herausstechen. Mit südländischen Seidenkleidern und Bunten Hemden, die Kamera um die Brust geschnallt, sitzen wir jetzt zwischen RömerInnen in der Metro und merken, dass wir gerade fernab der alltäglichen Lebensrealität unterwegs sind. Ein Fahrgast spricht mich an. Ich will zwar nicht als deutsche Touristin auffallen, bauche dann aber doch Hilfe. Der einzige Satz, den ich mir auf Italienisch eingeprägt habe, lautet „Una Boteiglia de Vino Rosso pro Favor“. Darauf kommt meist eine Antwort, die ich nicht entziffern kann. Ich muss dann, wie auch in diesem Fall, zu Boden kriechen und antworten: „sorry, englisch…?“.

Wir fahren von „Laurentina“ Richtung „Rebibbia“. Eine nette Frauenstimme in den Lautsprechern kündigt „prossima Fermata“ an , also „next stop“ Station Ottaviano-S, Pietro Museen Vaticani.

In unserem Wagon sind Bildschirme auf den Wänden angebracht. Gerade läuft lautlos „Ciak!“, eine Sendung über Promi Trash-News. Ich kann zwar nicht Lippenlesen, aber ich denke es geht gerade darum, welche italienische Sängerin jetzt Fußballerfrau geworden ist. Spannend.

Die Station an der wir ankommen wirkt schon etwas weniger pompös. „Wir sind also aus der Innenstadt raus“, denke ich mir, „wie in Wien“! Nach dem Aussteigen dann immer den Pfeilen Richtung „Uscita“ nach. Jetzt schnell weiter zum sizilianischen Lokal, auf das ich gar keine Lust habe, denn auf Meeresfrüchte bin ich allergisch. Lieber hätte ich Pizza. Und bald ist die beste Pizza, die ich bekomme, wieder die vom Kiosk am Schottenring. Aber das ist auch nicht schlimm. Das ist eh die Beste.


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