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Dienstag, Dezember 6, 2022

Aufwachsen im Tal

Aufwachsen in Tal – Wie Teenager das Jahr 2001 am Land erleben, der neue Roman von Angela Lehner.

Julia ist 15 und Hauptschülerin in einer Schule in Tal, einem fiktiven österreichischen Ort nicht sehr weit von der italienischen Grenze entfernt. Sie geht, wenn überhaupt, nur ungern zur Schule und wird dort in eine Klasse mit besonders lernunwilligen Schülerinnen und Schülern – genannt der „Restmüll“ – gesteckt. An Handlung gibt es nicht sehr viel an Dramatik – wir erleben wie Julia vom Jänner bis September mit ihren Freundinnen und Freunden abhängt, sich ihr Bruder verletzt, weil er betrunken an einer Bergwand klettert, die Rechten Menschen, die nach Ausländer oder Unangepassten ausschauen, verprügeln und Julia am Ende doch noch abwenden will, eine Klasse wiederholen zu müssen.

Wie der Titel schon klar macht, sind wir im Jahr 2001 – mit den Freiheitlichen in der Regierung, lahmem Internet und am Ende des Buches crashen dann zwei Linienmaschine in die Zwillingstürme von New York. An Freuden bietet Tal nur Wochenende-Besäufnisse sowie diverse Volksfest, bei denen noch mehr Alkohol getrunken wird. Für Julia und ihr „Rudel“ gibt es dann immerhin noch Hip-Hip – am liebsten würde sie die Schule vergessen und Rapperin werden. Und schließlich will ein karrieregeiler Lehrer die Klasse mit einem Experiment aufmischen. Alle müssen eine Figur aus der aktuellen Politik spielen und die brennenden Fragen der Zeit in deren Namen abhandeln. Soetwas kann natürlich nur schief gehen. Am Ende steuern die Konflikte zwischen dem inzwischen schon zerfallenen „Rudel“ und den Rechten auf eine große Lokalschlacht zu.

Angela Lehner wuchs in Lienz, Osttirol auf und wurde 2019 mit ihrem Debütroman „Vater unser“ über ein Geschwisterpaar im psychiatrischen Spital am Steinhof schlagartig bekannt. Das Buch stand sogar auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Charakteristisch ist Lehners ungekünstelter Stil, auch in „2001“ gibt sie die Jugendsprache, die natürlich voll ist von politisch unkorrekten Ausdrücken wie „Mongo“, ”Homo“, „Wacher“ wieder. Aber wie sonst sollte ein von direkter Rede bestimmter Text über dieses Milieu sonst auch funktionieren? Angela Lehners „2001“ ist jedenfalls ein mutig geschriebener Roman über ein wichtiges Thema.


Angela Lehner: 2001, Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-27106-7
384 Seiten
€ 24,70

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