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Freitag, Dezember 2, 2022

Die Angst war immer dabei

Die Afghanin Nadia Ghulam schlüpfte in die Identität ihres verstorbenen Bruders, um zu überleben und die Familie zu versorgen. In „Das Geheimnis meines Turbans“ erzählt sie ihre Geschichte. 
Text: Ursula Scheidl

Für die Mädchen, die sich als Jungen verkleiden, gibt es in der Landessprache ein eigenes Wort: „Bacha posh“. Jungen sind mehr wert in Afghanistan. Ein Junge darf wie ein normales Kind aufwachsen. Für Nadia Ghulam war ihre Verkleidung allerdings eine Überlebensfrage. In ihrem Buch zeichnet sie nicht nur ein historisch genaues Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit eines von Krieg geprägten Landes, sondern formuliert auch ein Plädoyer gegen die Unterdrückung der Frau. Heute lebt sie in Barcelona als Sozialpädagogin und Aktivistin, arbeitet für Flüchtlinge und MigrantInnen und möchte „den Menschen eine Stimme geben, die keine haben“.

vormagazin: Warum mussten Sie sich als Junge verkleiden?

Nadia Ghulam: Als ich acht Jahre alt war, schlug eine Bombe in unser Haus ein, aber sie haben nicht nur meine Schule und mein Haus zerstört, sondern meine ganze Kindheit und Jugend. Ich lag sechs Monate im Koma und habe zwei Jahre in verschiedenen Krankenhäusern verbracht. Als 1994 die Taliban an die Macht kamen, haben sie Frauen nicht erlaubt, zur Schule oder arbeiten zu gehen. Es war Krieg und ich begann, mich wie mein Bruder anzuziehen. Ich dachte, es ist eine Lösung für einen Tag und morgen werden sich die Dinge ändern. Morgen werde ich wieder Nadia sein und mein Leben weiterführen. Die Hoffnung hat zehn Jahre angedauert. Zehn Jahre war ich der Mann im Haus, ich war der Sohn meiner Mutter und musste für meine Familie arbeiten und meine Schwestern aufziehen. Als ich in Männerkleidung nach Spanien kam, war ich 21.

Was waren denn die schlimmsten Erfahrungen aus dieser Zeit?

Als ich nicht mehr in die Schule-gehen durfte. Das war für mich der schwierigste Moment und ich habe zu meiner Mutter gesagt: „Bitte bete, dass ich einen Unfall habe und sterbe.“ Meine Mutter hat gefragt: „Warum willst du sterben, weil du nicht in die Schule gehen darfst? Ich durfte auch nicht zur Schule gehen und wollte aus diesem Grund nicht gleich sterben.“ Und ich habe gesagt: „Nein, ich will nicht wie du sein, Mutter. Ich will Bildung haben.“

Wie ist die Beziehung zu Ihrer Mutter?

Am Anfang war es für meine Mutter sehr schwer, mich mit dem Namen meines Bruders anzusprechen. Es war gefährlich, wenn sie Nadia zu mir sagte. Eines Nachts habe ich sie beim Gebet beobachtet, wie sie statt Allah immer den Namen meines Bruders wiederholt hat. „Ich übe deinen Namen“, sagte sie. Bis heute nennt sie mich Zelmai.

Emotional muss es gerade in der Pubertät sehr schwer gewesen sein, Ihre wahre Identität zu verbergen?

Ja, es war sehr schwer, vor allem weil ich alle meine Gefühle für mich behalten musste. Ich konnte niemandem sagen, wenn ich mich in jemanden verliebt hatte. Wenn ich irgendein Gefühl hatte, musste ich es komplett verstecken. In meiner Teenagerzeit habe ich sehr gelitten und zu Gott gebetet: „Hilf mir, nicht zu lieben.“

Gibt es auch positive Erfahrungen aus dieser Zeit? 

Ich bin stolz, dass ich die einzige afghanische Frau bin, die afghanische Männer versteht. Ich weiß, deren Leben ist auch nicht einfach. Viele von ihnen leiden wegen des Krieges, jeder auf seine Weise. Auf der Straße zu sein und mit ihnen zu arbeiten, da habe ich gelernt, wie schwer das Leben auch für sie ist. 

War es schwer, wieder Nadia zu werden? 

In Barcelona wollte ich zunächst keine Frau sein, weil ich Auto und mit dem Fahrrad fahren, Freunde haben und einfach alleine sein wollte. Als ich das erste Mal alleine war, habe ich realisiert, dass ich als Frau alles machen kann, was ich will, und dass ich meine Identität nicht mehr verstecken muss. Ich schwimme und lache. Und die Menschen wissen nicht, wie glücklich ich mich fühle, meine Freiheit zurückgewonnen zu haben! 

Nadia Ghulam liebt die katalanische Familie, die sie überaus  herzlich aufgenommen hat, sehr und hat in Barcelona ein zweites Zuhause gefunden. – ©privat

Ist das Leben in Afghanistan immer noch so schwierig? 

Es hat sich in den letzten 20 Jahren für die Mehrheit leider nichts verändert. In Kabul leben nur 5 Mio. Menschen, im Rest des Landes herrscht große Armut und es gibt wenige Schulen. Jungen haben keine andere Wahl, als zum Militär zu den Taliban zu gehen. Das macht mich traurig, denn diese Jungen sollten statt einer Waffe einen Stift und Papier in ihren Händen haben. Für nur 20 Prozent der Bevölkerung hat sich etwas geändert, der Rest leidet mehr als vorher.

Können Sie sich vorstellen, nach Afghanistan zurückzukehren?

Es ist mein Traum! Ich muss nach Afghanistan zurückkehren, weil mein Land Menschen mit Wissen und Bildung braucht. Ich weiß, was in meinem Land passiert, was ich gebraucht habe, als ich dort war, wie ich gelitten habe. Also kann ich vielen Leuten in meinem Land helfen, aber als Nadia hinzugehen, wäre sehr gefährlich für mich. 

Sie haben so viel Schmerz erfahren. Haben Sie ein Überlebensprinzip?

Ich habe drei, die sehr wichtig für mich sind: meine afghanische Mutter, die als Einzige an mein Überleben geglaubt hat, meine Bildung und meinen Glauben, der mir in schwierigen Situationen immer geholfen hat.

Seit der Veröffentlichung der Romanfassung ihrer Lebensgeschichte wird Nadia Ghulam immer wieder bedroht. Trotzdem engagiert sich die mittlerweile in Spanien lebende Autorin nach wie vor öffentlich für Frauenrechte und gegen soziale Ungerechtigkeit.


Nadia Ghulam – Das Geheimnis meines Turbans
Aus dem Spanischen von Silke Kleemann.
cbt Verlag
352 Seiten
ISBN: 978-3-570-31378-7
€ 10,90

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