Leopold Museum feiert „Wahlverwandschaften“

Beitragsbild: Klimts „Italienische Landschaft“ ist eine der Leihgaben aus der Stiftung Kamm: ein Spätwerk, das Naturbeobachtung und fast abstrakte Ornamentik verbindet. © Gustav Klimt, Italienische Gartenlandschaft (Detail), 1913 l Kunsthaus Zug Stiftung Sammlung Kamm

Zum 25. Jubiläum des Museums bereichern kostbare Werke von Gustav Klimt, Egon Schiele und Richard Gerstl aus der Stiftung Kamm die Dauerausstellung „Wien 1900“ als „noble Gäste“.

Goethe nannte es eine „Wahlverwandtschaft“: jene starke Anziehungskraft, die Wesensverwandte über alle Grenzen hinweg zueinander finden lässt. Zum 25-Jahre-Jubiläum des Leopold Museum erweist sich dieser Begriff als treffender denn je: Seit diesem Sommer treten in der permanenten Ausstellung „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“ vier Meisterwerke aus der Schweizer Stiftung Kamm in einen bereichernden Dialog mit dem wertvollen Wiener Kunstbestand.

MEISTERWERKE IM DIALOG

Im Klimt-Saal begegnet man zwei Landschaften des großen Sezessionisten Gustav Klimt: der flirrend-pastosen „Italienischen Gartenlandschaft“ von 1913 und der karg komponierten „Landschaft mit Bergkuppe“ von 1916, in der bereits jener expressive Malduktus seines Spätwerks deutlich wird, der sein Œuvre ins zwanzigste Jahrhundert trägt. In den Räumen zu Richard Gerstl trifft man nun auf eines der Schlüsselwerke des Frühexpressionismus: das 1908 – im Todesjahr des Künstlers – entstandene „Gruppenbild mit Schönberg“, von impulsiver Pinselführung und schonungsloser Psychologie geprägt. Egon Schieles „Porträt des Malers Hans Massmann“ von 1909, noch ornamental im Bann von Klimt, komplettiert das Quartett.

Klimts „Italienische Landschaft“ ist eine der Leihgaben aus der Stiftung Kamm: ein Spätwerk, das Naturbeobachtung und fast abstrakte Ornamentik verbindet.

FREUNDSCHAFT MIT GESCHICHTE

Museumsdirektor Hans-Peter Wipplinger würdigt die „hochkarätigen Leihgaben“ als Ausdruck einer langen Kooperation. Das Haus beherbergt damit 24 Gemälde Klimts, neben der weltweit größten Egon-Schiele-Sammlung. Diese „Wahlverwandtschaft“ hat Geschichte: Die 1998 gegründete Stiftung Kamm geht auf das Sammlerpaar Fritz und Editha Kamm-Ehrbar zurück, dem einst der Bildhauer Fritz Wotruba den Weg zur Wiener Moderne wies. Zwischen Peter Kamm und Rudolf Leopold entspannte sich ab den 1970er-Jahren ein reger, freundschaftlicher Austausch samt Bildtransfers, der beide Sammlungen bis heute prägt. So fügen sich die „noblen Gäste“ organisch in „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“ ein. Jene Schau, die auf drei Ebenen den Bogen von Makarts Historienmalerei über die Secession bis zum Expressionismus spannt und von Momentaufnahmen einer Epoche begleitet wird, die Arnold Schönberg treffend als „Emanzipation der Dissonanz“ beschrieb. Das Wien dieser Zeit war Residenzstadt und Elendsquartier zugleich, Nährboden für Antisemitismus und erstarrtem Konservatismus, aber auch für ungestüme Erneuerung.

AUSBLICK INS JUBILÄUMSJAHR

Das Jubiläumsjahr hält weitere spannende Kapitel bereit. „PREMIERE!“ gewährt erstmals Einblick in die Sammlung der Oesterreichischen Nationalbank, die seit den späten 1980er-Jahren österreichische Kunst nach 1918 zusammenträgt. Aus rund 2.300 Werken wurden 114 Arbeiten von über 79 Kunstschaffenden kuratiert: Neue Sachlichkeit trifft auf Nachkriegsabstraktion, Rudolf Wacker auf Maria Lassnig, Martha Jungwirth auf Herbert Brandl. Ein „visueller“ Dank, da die OeNB 1994 die Gründung der Leopold Museum-Privatstiftung ermöglichte. Die aktuelle Ausstellung „Herbert Boeckl – Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen“ verbindet wiederum zwei Künstler, die einander nie begegneten, doch ihre Auseinandersetzung mit Körper und Formfindung gleicht einem stillen Zwiegespräch. Beide verweigern konsequent die Abstraktion und suchen im Menschlichen das Archaische. In seinem Jubiläumssommer beweist das Leopold Museum damit eindrucksvoll, dass „Wahlverwandtschaften“, zwischen Sammlungen wie Kunstschaffenden, bis heute die schönsten Geschichten der modernen Kunst schreiben.

INFO:
leopoldmuseum.org

Michaela Görlich
Michaela Görlich
Chefredaktion

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