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Donnerstag, Juli 18, 2024

Zeit ist, was man an der Uhr abliest

Bild: ©Carina Antl

Barbara Kaudelka zu vorgerückter Stunde.

Wenn ich an den ersten Frühlingstagen morgens die Tür meiner Lieblingsbäckerei öffne, mich der köstliche Duft von frisch gebackenem Brot umschmeichelt und ich in das zutiefst ang’fressene Gesicht meines sonst so gut gelaunten Lieblingsbäckers blicke, dann weiß ich: Es ist wieder so weit. Hektischer Blick aufs Handgelenk. Einmal im Jahr grantelt’s vom Burgenland bis ins Ländle. Nämlich dann, wenn es heißt, die Uhren auf Sommerzeit umzustellen. Das geht Herrn und Frau Österreicher mächtig auf den Wecker. Buchstäblich, kostet’s doch auch eine Stunde Schlaf. Während die einen klagen, ihr Biorhythmus quittiere dies mit tagelangen Jetlag-Symptomen, freuen sich andere darüber, dass es abends länger hell bleibt. Mein Brot backender Sunnyboy gehört definitiv in die erste Kategorie. Der armselige Versuch ihn aufzuheitern, indem ich das eben erstandene Kipferl nach oben drehe, sodass es wie ein Lächeln aus Mürbteig aussieht, scheitert veritabel.

Ich hab den Zeitumstellungs-Zirkus auch diesmal nicht mitgekriegt. Menschen wie ich sind der Grund dafür, dass man derlei Dinge auf Sonntage legt, da könn’ ma ned viel versemmeln; wir sind dankbar für Funkuhren und automatisch synchronisierende Mobiltelefone. Stichwort: Wecker. Heuer hatte ich an jenem letzten März-Sonntag einen Frühtermin. Das Handy hatte mich zuverlässig wachgepiepst und ich startete, wie gewohnt, mit Radio-News im Ohr und Espresso an den Lippen in den Morgen. Der Moderator wies auf die Zeitumstellung hin und scherzte, dass wir sie trotzdem noch zweimal pro Jahr am Hals hätten. Hä, wieso trotzdem? Zwei Mausklicks später dann das „Aha“: Mir war glatt entgangen, dass das Europaparlament die EU-weite Abschaffung der alljährlichen Zeitumstellung per 2021 abgenickt hatte. Schon vor vier Jahren! Die Entscheidung für Sommer- oder Normalzeit bliebe den Mitgliedsstaaten überlassen.

Angesichts der Pandemie und weiterer Krisen verschwand die Changier-Chose wieder in der politischen Versenkung. Vorerst, in Österreich läuft im April ein Volksbegehren zur Beibehaltung der Sommerzeit. Ein permanenter Zeitmodus und somit der Verzicht auf die halbjährliche Wechseldusche hat zumindest für die Biorhythmus-Fraktion Vorteile. Knifflig wird’s aber an den Rändern der großen mitteleuropäischen Zone. Bei EU-weiter Abschaffung der Zeitumstellung müsste man wohl an den üblichen Zeitzonen schrauben, sonst ginge etwa die Sonne im Nordwesten Spaniens bei dauerhafter Sommerzeit im Winter erst nach 10 Uhr auf. Bliebe man bei steter Normalzeit, würde es im sommerlichen Ost-Polen schon um 3 Uhr morgens hell. Ob sich die Unionsstaaten sinnvoll einigen können, ist fraglich, ist man in Sachen Konsensfindung ja eher dafür bekannt, „kleine Brötchen zu backen“.
Auf eines können wir uns aber sicher verständigen: Wir alle wollen unsere Lieblingsbäcker lächeln sehen, stimmt’s?


Barbara Kaudelka ist Schauspielerin, Tonstudiosprecherin, Medienmensch und vormagazin-Kolumnistin.
Bild: ©Michael Taborsky

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