Dicht schreiben, ohne sich zu verplappern

Beitragsbild: Andrea Roedig zu Besuch bei der vormagazin-Redaktion: „KI kann auch eine große Chance für wirklich hochqualitative Literatur werden. © Sandra Oblak

EINE STADT. EIN BUCH. Die Gratisbuchaktion bringt 26 Geschichten ausschließlich von Autorinnen. Andrea Roedig – eine von ihnen – im Interview.

„Eine STADT. Ein BUCH.“ feiert heuer ihr 25-Jahr-Jubiläum. Mit originären Kurzgeschichten von 26 in Wien lebenden oder mit Wien verbundenen Autorinnen. Eine davon ist Andrea Roedig, die seit 2007 in Wien beheimatet ist und 2022 für ihren Roman „Man kann Müttern nicht trauen“ – eine Autofiktion über ihr Aufwachsen in einer dysfunktionalen Metzgerfamilie – viel Anerkennung durch die Kritik und die Leserschaft bekommen hat. Roedig, 1962 in Düsseldorf geboren, schreibt vor allem Essays und ist Mit-Herausgeberin der renommierten österreichischen Literaturzeitschrift „Wespennest“. Im Interview spricht sie auch über die Vorzüge von Kurzgeschichten.

vormagazin: Sie waren ja in Berlin ganz erfolgreich vernetzt, warum sind Sie nach Wien gekommen?

Andrea Roedig: Ich habe einfach ein Jobangebot bekommen – im Anschluss an das Milena-Jesenská-Stipendium am Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Aber ich hatte sowieso vor, Berlin zu verlassen …

Was gefällt Ihnen an Wien besser als Berlin?

Ich mag die Nähe zum Wienerwald. Ich mag, dass die Stadt nicht so riesig ist, dass man gut Fahrrad fahren kann. Es gibt ein Kulturangebot. Also, man kann gut essen. Der Karmelitermarkt, sage ich immer, ist sozusagen mein Highlight in Wien. Und diese Stadt ist wesentlich ruhiger als Berlin. Es gab aber komischerweise eine Entwicklung. Zuerst fand ich Wien ganz toll. Dann, nach einem halben Jahr, fand ich es wirklich schwierig und hatte das Gefühl, ich komme überhaupt nicht an – und habe sehr gehadert. Dann habe ich so etwas wie ein „Going Native“ verspürt und dachte „Jetzt werde ich auch schon wienerisch“. Und mittlerweile ist mir dieses Deutschland-Österreich-Thema eigentlich egal, weil ich ja schon lange da bin.

Das „Wespennest“ gibt es seit 1969, wie kann eine so anspruchsvolle Literaturzeitschrift heute überleben?

Mit Selbstausbeutung natürlich und mit Bescheidenheit. Wir sitzen ziemlich viel aus. Toll ist auch, dass wir die Qualität halten können. Meine Kollegin sagt immer, wir sind wie Vinylschallplatten – einfach nicht totzukriegen. Irgendwann, glaube ich, wird auch das Interesse an Print wieder stärker werden. Also, ich finde es extrem wichtig, dass es so eine Zeitschrift wie „Wespennest“ gibt, weil sie für Autorinnen und Autoren auch immer einen Anlass darstellt, etwas zu schreiben.

Für „Eine STADT. Ein BUCH.“ haben wir Sie um eine neue Kurzgeschichte gebeten. War das reizvoll für Sie?

Es war erst einmal schön, mich noch einmal mit der Kurzgeschichte als Genre auseinanderzusetzen. Ich habe viele Kurzgeschichten gelesen – mit sehr großem Gewinn. Da gibt’s schon wirklich tolle, vor allem von Amerikanerinnen und Amerikanern – Raymond Carver oder Flannery O’Connor. Hut ab, das ist wirklich gutes Zeug. Mein Buch „Man kann Müttern nicht trauen“ hat keine Gattungsbezeichnung, ist also kein Roman. Eigentlich ist es eine literarische Erzählung. Und meine Kurzgeschichte für „Eine STADT. Ein BUCH.“ hat dann durchaus etwas damit zu tun … Es geht da wieder um ein Mädchen, dessen Vater ein Metzger, ein Fleischhauer ist. Konkret steht sie vor der Aufgabe, ein sterbendes Tier – eine Taube – zu erlösen … Dieses Mädchen sieht bei ihrem Vater tagtäglich, dass er töten kann. Und sie ist hin- und hergerissen zwischen einer christlichen Erziehung, einer Mitleidsethik und einem Vater, der Tieren den Gnadenschuss geben kann, um sie nicht sinnlos leiden zu lassen. Und das Mädchen möchte das auch können.

„Meine große Sorge ist, dass wir
zunehmend das Lesen verlernen.“
– Andrea Roedig

Viele erwarten, dass die nächsten Romane schon von einer KI geschrieben werden. Wie sehen Sie das?

Ich erwarte das auch. Das kann aber auch eine große Chance für wirklich hochqualitative Literatur werden. Die KI ist gut im Mittelmaß, auch im Journalismus. KI kann perfekt, genau, und zwar auf einem relativ guten Niveau diese Nullachtfünfzehn-Texte schreiben und natürlich auch die Nullachtfünfzehn-Romane. Meine Sorge ist, dass wir dadurch das Lesen verlernen oder verlernen, was Qualität ist. Also, dass man sich zufrieden gibt mit so einem Matsch, der halt passabel zusammengeschrieben ist, aber eben nicht gut. Wir brauchen die hervorragende Literatur und das Schwierige, das Sperrige. Und Kurzgeschichten sind ja ein bisschen sperrig. Es geht darum, dicht zu schreiben, ohne sich zu verplappern.

„Eine STADT. Ein BUCH.“ feiert heuer 25-Jahr-Jubiläum mit 26 Kurzgeschichten von 26 Autorinnen. Texte gibt es von Annemarie Andre, Theodora Bauer, Kirstin Breitenfellner, Nadja Bucher, Milena Michiko Flašar, Valerie Fritsch, Susanne Gregor, Petra Hartlieb, Monika Helfer, Julia Jost, Gabriele Kögl, Chris Lohner, Beate Maly, Verena Mermer, Elena Messner, Lydia Mischkulnig, Hannah Oppolzer, Silvia Pistotnig, Petra Piuk, Erika Pluhar, Barbara Rieger, Andrea Roedig, Isabella Straub, Cornelia Travnicek, Anna Weidenholzer und Renate Welsh. „Eine STADT. Ein BUCH.“ dankt allen Unterstützern wie Wien Energie und Stadt Wien!  

„26 Kurzgeschichten aus Wien. Von 26 Autorinnen.“ wird am 19. November im Rathaus präsentiert.

Alle Infos: einestadteinbuch.at

Covergrafik © Emanuela Sarac

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