Alvar Aaltos FinlandiaHalle wurde zwischen 1967 und 1971 gebaut. Das Konzert- und Kongressgebäude zählt zu den bekanntesten Wahrzeichen der fi nnischen Hauptstadt Helsinki. © Michael Schottenberg
Aus dem Reisetagebuch von Michael Schottenberg: In Helsinki hat der Meisterarchitekt Alvar Aalto ein bleibendes Vermächtnis hinterlassen.
Architektur und Design sind Helsinkis Markenzeichen – gleich wie die Literatur Dublins, der Samba Havannas oder eine Safari im Masai Mara Reservat Kenias. Alvar Aalto heißt der finnische Meister der Moderne, der mit radikaler Formensprache seiner Heimat und der Welt ein bleibendes Vermächtnis hinterließ.
Aalto suchte den Dialog von Gebäude und Landschaft: „Die uns umgebenden Gegenstände sind ein lebendiges Gewebe, Bausteine, aus denen sich das menschliche Leben zusammensetzt. Man kann sie nicht anders behandeln als Gesetzmäßigkeiten der Biologie, sie laufen sonst Gefahr, nicht mehr ins System zu passen. Sie werden unmenschlich“, befand er und entwarf auch gleich noch selbst das Inventar seiner kühnen Baukunstwerke.
Architektur entsteht im Kopf. Und im Bauch. Gedanke und Gefühl. Ratio und Risiko. In der Konzeption eines Raumes wird Vision zu Volumen. Linien nehmen Gestalt an, sie beginnen zu tanzen. Abstraktes wird zu Wirklichkeit, Sehnsucht geht in Staunen über. In der Architektur kulminieren die Blitzlichter des Alltags, sie spiegeln und reflektieren einander – wieder und wieder. Leidenschaft wird zu Maßlosigkeit, Maßlosigkeit zu Kühnheit und Kühnheit zu Kunst. Schließe die Augen, Betrachter, und fühle.
Architektur geht von Herz zu Herz, nicht von Kopf zu Kopf. Für viele bahnbrechende Baukünstler treffen diese Sätze zu. Einer davon war der Allrounder Alvar Aalto. Der finnische Nationalarchitekt war ein Designer, der mit visionär-humanistischem Ansatz die Sprache seiner Zeit prägte. Aalto war nicht nur Kämpfer klar formulierter Statements, er entwarf, ähnlich dem Genie Adolf Loos, gleich auch noch Möbel, Glaswaren und Textilien. Seine aufstrebende Karriere fiel mit der Industrialisierung Finnlands in den 1920er und 1930er Jahren zusammen.
Ähnlich wie Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe, Peter Behrens oder Frank Lloyd Wright entwarf er Industriegebäude und Villen, Hallen und Konzertsäle. Dabei achtete er auf jedes Detail, von der Farbgebung bis zum Licht, vom Treppengeländer zum Kantinenbesteck. Nach dem Zweiten Weltkrieg kümmerte sich Aalto um Kirchen, Museen, Universitäten und Kulturzentren, wobei er immer auf den Kontext und den Charakter des Ortes achtete. Seine Architektur ist nicht nur ansprechend schön, sie ist streng. Unerbittlich streng.
Der Kärntner Günther Domenig fällt mir in diesem Zusammenhang ein. Der Finne und der Österreicher sind Brüder im Geist. Ob sie einander persönlich kannten, weiß ich nicht. Geschätzt hätten sie sich. Die Sprache von Alvar Aaltos Arbeit ist international, sie gibt Auskunft über Menschen, die hinter den Fassaden seiner Häuser leben, sie verrät ihre Träume, ihre Verzweiflung. Und auch wenn die Formsprache seiner Architektur oft kühl und sachlich erscheint, stellt sie doch immer auch leidenschaftlich Fragen. Und dabei ist und bleibt sie voller Leben. Detailgenauigkeit und Verspieltheit trifft auf Intellekt und Raffinement. Aaltos Schule des Sehens ist eine Parabel auf das Leben. Kann Architektur mehr können?








