Beitragsbild: © Peter Rigaud
Was passiert eigentlich in unserem Kopf? Neurowissenschaftlerin Dr. Nicole Amberg von der Medizinischen Universität Wien blickt in ihrer vormagazin-Kolumne hinter die Kulissen unseres Gehirns. Mit wissenschaftlicher Expertise, persönlichen Beobachtungen und einer Portion Humor macht sie komplexe Zusammenhänge verständlich und zeigt, wie viel Wissenschaft in unserem täglichen Leben steckt.
Wer kennt das nicht: diesen aufheiternden Satz, man möge doch „seine kleinen grauen Zellen ein wenig mehr anstrengen“. Ich ertappe mich durchaus häufiger dabei, dass ich diesen Gedanken still zu mir selbst sage, weil ich schon wieder, auf dem Weg zu einem Meeting, etwas im Büro habe liegen lassen, nochmal umdrehen muss und es holen gehe. Das hat eine eigene Komik: Ich sage mir unter Bemühung meiner kleinen grauen Zellen, ich möge die grauen Zellen mehr anstrengen. Okay, Wissenschafts-Komik. Was ist denn diese geheimnisvolle graue Zelle eigentlich?
Das Gehirn ist in die „graue“ und die „weiße Substanz“ eingeteilt. In der grauen Substanz befinden sich die Zellkörper unserer Nervenzellen. Dort ist auch die Kommandozentrale der Zelle, nämlich der Zellkern. Dazu gehen vom Zellkörper noch viele kleine Verzweigungen aus, mit denen die Nervenzelle mit anderen Zellen in Kontakt tritt, um Signale zu empfangen. Eine Nervenzelle hat darüber hinaus noch eine ganz besondere Struktur: das sogenannte Axon. Das Axon kann man sich wie ein langes Kabel vorstellen, mit dem eine Gehirn-Nervenzelle über kurze (ca. 1–2 mm lang), aber auch sehr weite Strecken (bis zu 80 cm lang) ein Signal an andere Nervenzellen übertragen kann.
Man rufe sich in Erinnerung: So ein Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen und Kabeln. Warum das alles nicht in einem Kabelsalat endet, fasziniert mich bis heute. In meinem Büro verzweifle ich halbwegs häufig an den Irrungen und Wirrungen von nur fünf Kabeln unter meinem Schreibtisch. Aber gut, wieder zurück zur Farbgebung im Gehirn: Das Kabel der Nervenzellen ist von Membranschichten umwickelt, die dem Axon eine weiße Farbe geben – daher die Bezeichnung „weiße Substanz“.
Um Gedanken zu bilden, müssen ganz viele graue Zellen über ihre weißen Kabel miteinander kommunizieren. Sie tauschen Signale nicht nur in unmittelbarer Nachbarschaft aus, sondern auch zwischen Gehirnregionen. Da kommt zum Beispiel der Hippocampus ins Spiel, wenn sich Erinnerungen in unsere Gedanken mischen. Oder die Amygdala, wenn es emotional wird. Und der präfrontale Kortex, wenn es ums weitreichende Planen und Abwägen geht.
Da wirkt es plötzlich gar nicht mehr so trivial, wenn ich etwas im Büro habe liegen lassen. Ich bin sogar regelrecht beruhigt, dass ich mich angestrengt habe, zusätzlich zu meinem Kabelsalat unter dem Schreibtisch einen Post-it-Salat auf meinem Schreibtisch zu finden, der mich an all die Dinge erinnert, die ich zu einem Meeting mitnehmen wollte. Bis ich auf halbem Weg wieder umdrehen muss, weil ich vergessen habe, ein wichtiges „To-do“ auf eines meiner Post-its zu schreiben …



