Nah am Wasser

Beitragsbild: Durch Budapest fließen pro Sekunde fast 7.000 Kubikmeter Wasser. Die Politik geht hier zwar nicht baden, das Hohe Haus ist aber trotzdem nah am Wasser gebaut: das Budapester Parlament. © Michael Schottenberg

Aus meinem Reisetagebuch. Zwischen Habsburger-Glanz und Disco-Dampfbad – Budapest ist die feuchteste Hauptstadt Europas.

Als eingesessener Mitteleuropäer braucht man nicht lange zu reisen, um einer der attraktivsten Städte des Kontinents einen Besuch abzustatten: Budapest! Geografisch gesehen liegt die Donaumetropole mitten in Europa, nach Paris und Moskau ist es gleich weit, politisch gesehen war sie bis vor kurzem dem Osten näher. Eine Stadt, durch die fast siebentausend Kubikmeter Wasser pro Sekunde fließt, kann nur als feucht und fröhlich bezeichnet werden. Man plantscht und lässt plantschen. Europäische Machtpolitik und die Lust an der Gaudee, beides ist in Budapest ebenso untrennbar miteinander verbunden wie die hügelige Altstadt mit dem flachbrüstigen Neustadtufer oder Buda mit Pest.

UNTER WASSER

Am Burgberg glänzt, einem Diadem gleich, das Schloss, nicht weit entfernt davon steht die Matthiaskirche, in der sich Franzl Unser und seine Sisi zum Königspaar von Ungarn krönen ließen. Niemand Geringerer als Freund Liszt steuerte die Musik bei. Als das Paar die Kirche verließ, schallten „Ferenc, Ferenc!“-Rufe über den Platz, und, glaubt man der Überlieferung, galten sie weniger dem Herrscherpaar als dem umtriebigen Compositeur. Mit der Standseilbahn geht’s hinunter und hinüber nach Pest, wo der (kulturelle) Teufel los ist: von der Staatsoper bis zum Operettenhaus, vom Museum der bildenden Künste zur Großen Synagoge, von der wirbeligen Geschäftsstraße Váci út über den prächtigen Andrássy-út-Boulevard bis zum Stadtwäldchen. All das aber, halten zu Gnaden, steht unter Wasser. Budapest ist die einzige Hauptstadt der Welt, die über natürliche Thermalquellen verfügt! Aus hundertfünfundzwanzig Quellen, man glaubt es kaum, sprudeln täglich siebzig Millionen Liter Heilwasser mit bis zu achtundfünfzig Grad Celsius aus der Erde. Es würde ausreichen, die gesamte Stadtbevölkerung gesund zu machen. Besonders im Széchenyi-Bad, am Rande des Heldenplatzes, tummeln sich die Massen. Kaum anderswo kann man so schön baden wie hier. Schon die prachtvolle Fassade beeindruckt. Der schlossartige Badetempel ist europaweit der größte und prächtigste seiner Art.

POBACKE AN POBACKE

Bereits 1868 begannen die ersten Bohrungen und sie endeten in einer Tiefe von neunhundertsiebzig Metern. Genau dort hatten Geologen einen artesischen Brunnen vermutet. Sie sollten Recht behalten, man musste dem heißen Wasser bloß an die Oberfläche verhelfen. Die Donaustadt durfte ab diesem Zeitpunkt den Terminus „Heilbad“ für sich beanspruchen. Bald schon aber genügte der Jungbrunnen dem Ansturm nicht mehr, ein neues Freibad musste her – nun betrug die Wasserfläche der Becken bereits über zweitausend Quadratmeter. Die Badewütigen tummelten sich Pobacke an Pobacke, und als 1938 die Welt in Grund und Boden versank, buddelten die Pester noch immer. Diesmal wurden sie in einer Tiefe von über zwölfhundert Metern fündig. Sechstausend Kubikmeter heißes Thermalwasser schoss täglich aus der Erde, so viel, dass man die Badeanstalten gleich mitheizen konnte. Ob patzreich oder bettelarm, das gesellschaftliche Leben etablierte sich, so wie in weiteren zwanzig Thermalbädern der Stadt.

LET’S „SPARTY“

Im „Széchenyi“ kann man heute weit mehr als bloß baden: Spa, Schach und jede Menge Spaß stehen zur freien Entnahme. Hier gibt’s nichts, was es nicht gibt. Bedingung: Badeschuhe (außerhalb der Becken), Badehaube (innerhalb der Becken) und Badebekleidung (sowohl als auch). Und wenn einem danach ist, kann man sich sogar im Gerstensaft suhlen: Im „Bier Spa“ ist das Thermalwasser mit Malz, Hopfen und Hefe angereichert; rund ums Becken stehen Bierfässer bereit, aus denen zapft man sich so viele verschiedene Sorten, wie man mag. Wer noch mehr bespaßt werden will, der bleibt auch am Samstagabend im Wasser, denn da ist „Sparty“ angesagt! So jedenfalls nennt sich der außergewöhnliche Disco-Kracher, eine Mischung aus „Spa“ und „Party“, DJs, Lasershow und jede Menge Attraktionen inklusive. Und da sage noch einer, die Budapester seien nicht nah am Wasser gebaut.

Michael Schottenberg reist mit dem Rucksack durch die Welt. 

Michael Schottenberg: Irgendwo auf der Welt. Erscheint am 9. September 2026, Amalthea Verlag, 280 S., € 32,–

Michael Schottenberg erzählt „Reisen ist Leben – Mit Schotti um die Welt“ am 5. September 2026, 19.30 Uhr Freilichtmuseum Gerersdorf, Museumsstraße 20, 7542 Gerersdorf bei Güssing Karten über oeticket.com 

Michael Schottenberg präsentiert „Irgendwo auf der Welt“ 15. September 2026, 18.30 Uhr Thalia Wien-Mitte/W3, Landstraße Hauptstraße 2a/2b, 1030 Wien Eintritt frei! 

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