Beitragsbild: © Bubu Dujmic
BUCHSCHATZ. Christine Nöstlingers Kinderbücher verkauften sich in Millionenauflagen. Aus dem Nachlass ist jetzt das Buch „Marie und die Wolke“ erschienen, das ihre Tochter Barbara Waldschütz liebevoll illustriert hat. Präsentiert wird das bislang unveröffentlichte Werk beim 15. Wiener Kinderlesefest am 2. Juli im Arkadenhof des Wiener Rathauses. Schauspielerin Lilian Klebow liest aus dem Buch, anschließend wird über die Entstehungsgeschichte und das literarische Erbe der großen Kinderbuchautorin gesprochen.
Barbara Waldschütz ist eine Frau mit vielen Talenten, die sie auch in einigen Berufen – etwa beim Visualisieren von Daten oder als Grafikerin – einsetzen konnte. Die Tochter von Christine Nöstlinger hat aber auch immer schon gerne gezeichnet und landete mit dem Kinderbuch „Klicketick“ zu Texten ihrer Mutter bereits in den 90er-Jahren einen Hit. Für ihre Zeichnungen zu „Madisou“ und „Die feuerrote Friederike“ wurde sie prämiert. Wenige Monate vor dem Tod der Mutter fragte sie diese, ob sie nicht ihren neuen Text „Marie und die Wolke“ illustrieren wolle. Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Christiana musste sie sich aber zunächst um das literarische Erbe der Mutter kümmern. Die Töchter gründeten die „Buchstabenfabrik“, die sich – ausgestattet mit den Tantiemen aus den Werken Christine Nöstlingers – um Leseförderung für Kinder kümmert. Jetzt im Juni kann aber endlich „Marie und die Wolke“ mit neuen Zeichnungen erscheinen. vormagazin besuchte Barbara Waldschütz in ihrer Wohnung in der Brigittenau.
WIE DER ZUFALL MITSPIELTE. Schon als Zweijährige, erzählt Barbara Waldschütz, habe sie die frisch gestrichene Wand ihrer Großeltern zu deren Entsetzen mit Ölkreide angemalt. Ihre Mutter hat aber auch gerne mit ihr gemeinsam gemalt. Der Weg von Christine Nöstlinger zur Bestsellerautorin war freilich alles andere als vorgezeichnet: „Meine Mutter hat zwar an der Angewandten Gebrauchsgrafik studiert, meinte aber, dass sie nicht genug Talent dafür hätte. Durch ihre Arbeit im Pressehaus war ihr Freundeskreis von Menschen geprägt, die immer künstlerische Projekte verfolgten. Und da hat sie dann einmal dem Lektor vom Verlag Jugend & Volk ihre Zeichnungen zu ,Die feuerrote Friederike‘ gezeigt. Und der hat gemeint, sie soll doch gleich die Geschichte auch schreiben. Und so ist es zum ersten Buch meiner Mutter gekommen.“ Hätte es das nicht gegeben, wäre Nöstlinger zeichnende Hausfrau und Mutter geblieben.
150 BÜCHER, ÜBERSETZT IN 45 SPRACHEN. Nöstlinger hat auch immer wieder betont, dass sie einfach Glück hatte. Waldschütz: „Mutti war immer sehr bescheiden unterwegs. Und – das muss in der Familie liegen – sie war auch keine große Selbstvermarkterin.“ Dabei hat Christine Nöstlinger unglaubliche 150 Bücher veröffentlicht, die in 45 Sprachen übersetzt wurden. Neben den Kinderbuchklassikern wie „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“, „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“ oder „Der Hund kommt!“ schrieb sie auch Dialektgedichte für Erwachsene wie „Iba de gaunz oaman Kinda“ und das auch verfilmte Erinnerungsbuch „Maikäfer flieg!“. Die Preise, die sie dafür bekam, sind kaum aufzählbar.
EIN UNGEWÖHNLICHER KINDERHELD. Nicht-Leser*innen wurde sie durch die von ihr erfundene Figur des „Dschi Dschei Wischer Dschunior“ im Ö3-Wecker bekannt. Der gilt als Vorläufer zahlreicher Radio-Comedys. Waldschütz: „Das war 1979 und das hat ihr richtig Spaß gemacht. Sie konnte da neue Wörter erfinden, denn der Dschunior spricht eine Kunstsprache, man hat dafür die Stimme von Burgschauspieler Wolfgang Hübsch verfremdet. Die Sprache war ihr genauso wichtig wie die Geschichte.“ Die Wischer waren dabei recht seltsam: drei Reihen Zähne, ein buschiger, seidiger Schwanz, ein Iglu als Zuhause und Rollschuhe als Fortbewegungsmittel. Pure Fantasie ganz nach dem Geschmack Christine Nöstlingers.
War die erfolgreichste Kinderbuchautorin Österreichs also ein Workaholic? Barbara Waldschütz: „Zeitweise schon, vor allem, als sie regelmäßig eine Zeitungsglosse abliefern musste. Geschichten zu erfinden und an der Sprache zu feilen, das war ihr, glaube ich, ein Bedürfnis und eine große Befriedigung.“
CHRISTINE NÖSTLINGERS „MARIE UND DIE WOLKE“. Das Buch handelt von einem Mädchen, das sich zu jedem Anlass, zu dem man etwas geschenkt bekommt, nichts anderes als eine Wolke wünscht. Diesen Wunsch kann ihr jedoch niemand erfüllen. Oder doch? Das letzte Buch Christine Nöstlingers mit den Zeichnungen ihrer Tochter ist aktuell im echomedia buchverlag erschienen. Aber hat Lesen heute noch eine Chance in den Kinderzimmern? Barbara Waldschütz: „Bilder sind natürlich einfacher zu begreifen als Worte. Je mehr Bildmedien zur Verfügung stehen, desto weniger werden Kinder lesen, weil Lesen anstrengender ist. Deshalb haben meine Schwester und ich die Buchstabenfabrik gegründet: für Projekte zum Lesen, Vorlesen und mit kostenlosem Lesestoff, um für das Lesen, die Welt der Bücher und Sprache zu begeistern. Kinder brauchen Anregung fürs Lesen – damit sie auf den Geschmack kommen.“

Marie und die Wolke von Christine Nöstlinger
Illustrationen: Barbara Waldschütz
Verlag: echomedia buchverlag
Umfang: 40 Seiten
ISBN: 978-3-903989-93-1
Preis: € 18,-
Erscheinungstermin: Juli 2026





