Das Makom: Ein Ort zwischen Mariahilfer Straße und Mittelmeer

Beitragsbild: © Eat Butter First

Es gibt Lokale, die betritt man mit einem klaren Plan: rasch etwas essen, vielleicht noch einen Kaffee, dann weiter zum nächsten Termin. Und dann gibt es Lokale, die einem schon beim Eintreten leise zuflüstern: Bleib noch ein bisschen. Das Makom, hebräisch für „Ort“, in der Schottenfeldgasse gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Nur wenige Schritte von der Mariahilfer Straße entfernt und doch gefühlt Welten vom Trubel der Einkaufsmeile entfernt, feierte das israelische Restaurant kürzlich sein fünfjähriges Bestehen. Ein schöner Anlass, um vorbeizuschauen und herauszufinden, was dieses Lokal so besonders macht.

Mein erster Gedanke beim Betreten: Hier hat jemand verstanden, wie man Gemütlichkeit schafft, ohne in Kitsch zu verfallen. Viel Holz, Ziegelwände, Fliesen, warme Beleuchtung, dazu ein Hauch Industrial Chic. Eigentlich alles Zutaten, die man im siebten Bezirk mittlerweile häufiger findet als einen Parkplatz. Trotzdem wirkt das Makom nicht wie die hundertste Kopie eines trendigen Pinterest-Boards. Das Lokal hat Charakter. Vielleicht liegt es am Duft, der aus der Küche strömt. Vielleicht an der sommerlichen Leichtigkeit, die an diesem Nachmittag in der Luft liegt. Vielleicht aber auch daran, dass hier noch Zeitungen aufliegen. Ja, echte Zeitungen aus Papier. Als bekennende „Medienmaus“ ist das für mich ein Qualitätsmerkmal. Ganz objektiv natürlich.

An diesem Nachmittag läuft im Makom nicht regulärer Betrieb, sondern es wird ein besonderer Anlass gefeiert: Zum fünfjährigen Bestehen versammeln sich Medienvertreter, Stammgäste und neugierige Erstbesucher, um gemeinsam auf das Restaurant anzustoßen. Es wird gelacht, diskutiert und angestoßen. Bei einer kurzen Ansprache fällt ein Satz, der mich aufhorchen lässt. Die Gastgeberin spricht davon, dass Gastronomie heute oft immer schneller und anonymer werde und man im Makom authentisch bleiben will und bewusst den Kontakt zu den Gästen suche. Normalerweise lösen Begriffe wie „authentisch“ bei mir sofort einen leichten Würgereflex (sorry) aus. Zu oft wurden sie in den vergangenen Jahren als Marketingfloskel missbraucht. Doch hier wirkt das Gesagte erstaunlich glaubwürdig. Vielleicht weil tatsächlich im Haus produziert wird. Vielleicht weil man merkt, dass man sich hier nicht um jeden Trend bemüht, sondern einfach um gutes Essen.

Hier zeigt sich, dass hinter den großen Worten tatsächlich Substanz stecken kann. Im Makom wird ausschließlich in der eigenen Küche gekocht. Ohne Fertigprodukte, ohne industrielle Vorproduktion, ohne die „kulinarischen Abkürzungen“, die in der Gastronomie längst selbstverständlich geworden sind. Was auf den Teller kommt, entsteht hier tatsächlich noch von Grund auf in Eigenproduktion. Das klingt fast altmodisch, ist aber in Wahrheit erstaunlich zeitgemäß.

Serviert wird für uns nach dem Sharing-Prinzip des Hauses. Große Teller landen in der Mitte des Tisches, alle greifen zu, kosten sich durch die Karte und kommen automatisch miteinander ins Gespräch. Auf den Tellern versammelt sich eine beeindruckende Vielfalt an Köstlichkeiten: roter Hummus und rote Falafel auf Basis von Roter Rübe, cremiges Labneh, rauchiges Baba Ganoush, gebratene Melanzani mit Tahina und Zhug. Dazu Spieße mit Huhn oder Tofu, kombiniert mit Spargel und Pilzen, sowie Makom’s Arayes Burger. Alles ist liebevoll angerichtet, ohne geschniegelt auszusehen. Die Gerichte sind modern, ohne krampfhaft modern sein zu wollen. Sie folgen keinen kurzlebigen Food-Trends, sondern einer einfachen Idee: Gute Zutaten dürfen nach sich selbst schmecken.

Besonders ein Gericht entwickelt sich im Laufe des Abends beinahe unbemerkt zur Hauptrolle: der Hummus. Während rund um den Tisch geschwärmt wird und Fladenbrot durch die Schüsseln wandert, beobachte ich eine junge Frau einige Plätze weiter. Man merkt ihr an, dass sie dem Ganzen noch nicht ganz traut. Schließlich nimmt sie einen vorsichtigen Löffel. Dann noch einen. Und sagt mit ehrlicher Überraschung: „Also normal mag ich Hummus gar nicht, aber dieser hier ist wirklich gut!“. Es ist vermutlich das schönste Kompliment des gesamten Abends. Denn wahre kulinarische Überzeugungsarbeit endet nicht dort, wo Fans begeistert nicken, sondern dort, wo Skeptiker Einsicht zeigen.

„kulinarische Überzeugungsarbeit endet nicht dort, wo Fans begeistert nicken, sondern dort, wo Skeptiker Einsicht zeigen“

Ich trinke Hibiskus- und Granatapfel-Spritzer, die geschmacklich irgendwo zwischen Sommerabend am Donaukanal und Mittelmeerurlaub liegen. Während die Gespräche lauter werden und die Sonne langsam hinter den Gründerzeitfassaden verschwindet, entsteht tatsächlich für einen Moment das Gefühl, im Sommerurlaub zu sein.

Und genau das macht das Makom so sympathisch. Das Lokal verkauft keine Sehnsuchtskulisse und kein künstliches Orient-Klischee. Es versucht nicht, eine andere Stadt nachzubauen. Stattdessen bringt es ein Stück israelische Esskultur ganz selbstverständlich nach Wien. Vielleicht fühlt es sich deshalb auch so natürlich an.

Die größte Überraschung wartet allerdings am Ende des Menüs. „Knafeh mit Tahina-Eis“: Goldbraun gebackene Teigfäden, gefüllt mit geschmolzenem Käse, dazu die nussige Cremigkeit des Eises. Ein Dessert, das auf dem Papier ungewöhnlich klingt und auf dem Teller vollkommen logisch wird. Es ist eines jener Gerichte, die man vermutlich nie selbst bestellt hätte und die man wenige Minuten später jedem weiterempfiehlt.

Achtung an alle, die ich jetzt mit meiner Begeisterung angesteckt habe: Das Makom ist kein Lokal für Menschen, die zwischen zwei Terminen schnell etwas hinunterschlingen wollen oder müssen. Dafür wäre euer Besuch schlicht zu schade. Es ist ein Ort zum Verweilen, zum Reden und zum Genießen. Ein Lokal für Dates, lange Abende mit Freunden oder entspannte Mittagessen fernab des Trubels der Mariahilfer Straße. Das Essen überzeugt durch ehrliches Handwerk, das Personal durch Herzlichkeit und die Atmosphäre durch jene selten gewordene Mischung aus Professionalität und echter Gastfreundschaft. Und wer wie ich die Qualität eines Lokals auch daran misst, ob man dort gerne noch auf einen Kaffee und einen Blick in die Zeitung bleibt, wird sich hier sehr wohlfühlen.

INFO:
makom.wien
Schottenfeldgasse, 18, 1070 Wien
Montag bis Freitag: 17:00–23:00 Uhr
Samstag: 09:00–23:00 Uhr
Sonntag: 09:00–22:00 Uhr

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

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