Beitragsbild: © Ashley Taylor
Sie hat an der Bolshoi Ballet Academy gelernt, tanzte in Berlin und wurde in Wien zur Ersten Solotänzerin. Heute steht Liudmila Konovalova auf internationalen Bühnen, gibt ihr Wissen an eine neue Generation weiter und wurde mit dem Premio Carla Fracci 2026 ausgezeichnet. Ein Porträt über eine Frau, die weiß, dass Leichtigkeit harte Arbeit ist – und Disziplin manchmal die größte Form von Freiheit.
Auf der Bühne soll es aussehen, als wäre alles selbstverständlich. Ein Sprung, eine Drehung, eine Bewegung, die mit der Musik verschmilzt. Im klassischen Ballett ist gerade jene Mühelosigkeit, die das Publikum sieht, das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Kaum jemand weiß das besser als Liudmila Konovalova.
Seit vielen Jahren gehört die Ballerina zu den international gefragten Künstlerinnen ihres Fachs. Ihre Karriere führte sie von Moskau über Berlin nach Wien, an bedeutende Häuser und zu Galas in zahlreichen Ländern. Seit 2010 ist sie eng mit dem Wiener Staatsballett verbunden, 2011 wurde sie zur Ersten Solotänzerin ernannt. Seit der Saison 2025/26 ist sie als Gastsolistin weiterhin mit dem Ensemble verbunden.
Was von außen wie eine konsequent verlaufende Karriere wirkt, beschreibt Konovalova selbst wesentlich nüchterner. Ballett bedeutet für sie vor allem eines: jeden Tag wieder anzufangen. Wir haben Liudmila Konovalova zum Gespräch gebeten und darüber gesprochen, wie Disziplin zur Freiheit werden kann, was Niederlagen über Stärke lehren und warum ein Leben für das Ballett weit über die Bühne hinaus prägt.
Wenn Disziplin Freiheit bedeutet
Es ist vielleicht einer der interessantesten Widersprüche des klassischen Balletts: Kaum eine Kunstform verlangt so viel Kontrolle – und kaum eine lebt auf der Bühne so sehr von Freiheit. Konovalova hat früh gelernt, mit dieser Spannung umzugehen. Ihre Ausbildung an der Bolshoi Ballet Academy beschreibt sie als enorm fordernd. Talent allein, sagt sie heute, reiche niemals aus. Entscheidend seien Arbeit, Wiederholung, Kritikfähigkeit und Ausdauer.
Was sie daraus mitgenommen hat, reicht längst über den Tanz hinaus. „Über die Zeit und die verschiedenen Bühnen habe ich gelernt, dass Disziplin nicht nur streng oder hart ist. Disziplin kann auch eine Form von Freiheit sein.“ Das klingt zunächst paradox. Für Konovalova ist es sehr konkret: Wer seinen Körper kennt, sich vorbereitet und eine innere Struktur entwickelt, wird weniger abhängig von äußeren Umständen. Diese Haltung begleitet sie heute auch abseits der Bühne – bei Reisen, Verträgen, Projekten, Kooperationen und in der Organisation einer internationalen Karriere. Gerade seit sie als Gastsolistin arbeitet, ist diese Eigenverantwortung größer geworden. Mehr Freiheit bedeutet schließlich auch mehr Entscheidungen. Oder, wie Konovalova es formuliert: „Freiheit braucht Struktur. Sonst bleibt sie nur eine schöne Idee.“
Schönheit ist nicht dasselbe wie Leichtigkeit
Das klassische Ballett lebt von einer Illusion. Das Publikum soll im Idealfall nicht darüber nachdenken, wie anstrengend eine Bewegung ist. Hinter dieser Leichtigkeit stehen Training, Schmerzen, Regeneration und Verzicht. Konovalova romantisiert das nicht. Mit den Jahren habe sich vielmehr ihr Verständnis davon verändert, was Stärke eigentlich bedeutet.
„Früher denkt man vielleicht, Stärke bedeutet, immer weiterzugehen. Mit den Jahren versteht man, dass wirkliche Stärke auch darin liegt, klug zu arbeiten.“, sagt sie. Der eigene Körper ist dabei ein kompromisslos ehrlicher Partner. Manche Grenzen lassen sich durch Training verschieben, andere müssen respektiert werden. Nicht jede Härte sei sinnvoll und nicht jeder Schmerz ein Qualitätsmerkmal, sagt sie.
Diese intensive Körperwahrnehmung prägt inzwischen auch ihren Alltag. Neben dem klassischen Training gehören Physiotherapie, Medical Fitness, Gyrotonic und Pilates-nahe Übungen dazu. Genauso wichtig sind Schlaf, Ruhe und der bewusste Abstand zur Bühne. Konovalova sucht diesen Ausgleich in der Natur, beim Spazierengehen, an Seen, in den Bergen, am Meer oder auf Reisen. Nach einer Arbeit, die so stark auf Öffentlichkeit, Präsenz und Performance ausgerichtet ist, braucht sie das Gegenteil: Stille.
Der Körper entscheidet mit
Auch berufliche Angebote betrachtet Konovalova heute anders als früher. Nicht alles, was möglich ist, muss automatisch gemacht werden „Ich frage mich: Gibt mir ein Projekt Energie? Hat es künstlerische Qualität? Passt es zu meinem Körper, zu meiner Zeit, zu meinen Werten?“, so Konovalova.
„Der Körper lehrt einen, dass
jedes „Ja“ auch Kraft kostet.“-Liudmila Konovalova
Darin steckt eine Form von Selbstbestimmung, die in einer Karriere, die früh von strengen Strukturen geprägt wurde, eine besondere Bedeutung bekommt. Konovalova liebt neue Herausforderungen und internationale Projekte. Gleichzeitig hat sie gelernt, dass jedes „Ja“ Ressourcen benötigt.
Eine Auszeichnung im Namen von Carla Fracci
Im Sommer 2026 erhielt diese Karriere eine weitere internationale Würdigung. Bei der DanceXperience von Riccione Estate Danza wurde Liudmila Konovalova am 16. Juli mit dem Premio Carla Fracci in der Kategorie „Ambasciatore della Danza nel Mondo“ ausgezeichnet. Der Preis erinnert an Carla Fracci, eine der bedeutendsten Ballerinen des 20. Jahrhunderts, und ehrt Künstler:innen, die den Tanz über Ländergrenzen hinweg prägen und dem klassischen Ballett eine eigene Handschrift verleihen.
Für Konovalova ist die Verbindung mit Fraccis Namen mehr als eine weitere Auszeichnung in ihrer Biografie: „Carla Fracci hatte die besondere Fähigkeit, mit jeder Rolle eine ganze Welt entstehen zu lassen. In ihrem Namen ausgezeichnet zu werden, berührt mich sehr.“ Was sie an Fracci bewundert, ist jene Verbindung aus technischer Präzision, darstellerischer Tiefe und Menschlichkeit, die auch Konovalovas eigenes Verständnis von Tanz prägt. Denn perfekte Schritte allein ergeben für sie noch keine große Rolle.

Liudmila Konovalova zählt zu den international renommierten Ballerinen ihrer Generation. Ausgebildet an der Bolshoi Ballet Academy in Moskau, führte sie ihre Karriere über Berlin nach Wien. Seit 2010 ist sie eng mit dem Wiener Staatsballett verbunden, 2011 wurde sie zur Ersten Solotänzerin ernannt, seit der Saison 2025/26 ist sie als Gastsolistin tätig. Neben Auftritten auf internationalen Bühnen gibt Konovalova ihr Wissen in Masterclasses an junge Talente weiter. 2026 wurde sie mit dem Premio Carla Fracci als „Ambasciatore della Danza nel Mondo“ ausgezeichnet. Zuvor erhielt sie unter anderem den Premio Positano Léonide Massine als „Danzatrice dell’anno“. Neben dem Tanz beschäftigt sie sich mit Culture Management und Schauspiel.
Technik ist erst der Anfang
Für Liudmila Konovalova ist Ballett weit mehr als technische Perfektion. Eine Rolle entsteht für sie aus Persönlichkeit, Geschichte, Musik und den Erfahrungen, die sie selbst mit auf die Bühne bringt. Deshalb gleicht kein Abend dem anderen und keine Figur ist jemals endgültig fertig. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit stehen tägliches Training und die Arbeit an kleinsten Details – Perfektion um jeden Preis interessiert sie dabei weniger als echte Präsenz. Auch ihre Erfahrungen mit Leistungsdruck, Unsicherheit und Rückschlägen haben ihren Blick auf Stärke geprägt. „Ballett war für mich ein Traum, ein Zufluchtsort und auch eine Möglichkeit, mich auszudrücken“, sagt sie. Verletzlichkeit ist für Konovalova dabei kein Gegensatz zu Stärke: Entscheidend sei, Emotionen zuzulassen und dennoch weiterzugehen.
Diese Haltung gibt sie heute auch an eine jüngere Generation weiter. In internationalen Masterclasses vermittelt Konovalova neben Technik und Musikalität vor allem, wie wichtig Selbstvertrauen, mentale Stärke und ein gesunder Umgang mit Kritik sind. Führung bedeutet für sie nicht, besonders laut zu sein, sondern durch Vorbereitung, Zuverlässigkeit, Respekt und Haltung voranzugehen. Eine Erkenntnis aus ihrer eigenen Ausbildung an der Bolshoi Academy begleitet sie dabei bis heute: „Wenn etwas nicht gelingt, heißt das nicht automatisch, dass man nicht gut genug ist. Es heißt oft nur, dass der Weg länger ist, als man gehofft hat.“ Niederlagen gehören für sie ebenso zur Entwicklung wie Erfolge – und mit den Jahren kam eine weitere Lektion hinzu: Disziplin kann weit bringen, aber ebenso wichtig ist es, freundlich mit sich selbst zu bleiben.
Die Bühne wird größer
Liudmila Konovalova weiß, dass sich eine Ballettkarriere verändert – für sie bedeutet das jedoch keinen Abschied von der Kunst, sondern die Chance, neue Wege zu gehen. Mit einem Fernstudium in Culture Management, ersten Erfahrungen als Schauspielerin in der Serie Crooks sowie Interesse an Mentoring, Masterclasses und eigenen Kulturprojekten erweitert sie ihren künstlerischen Horizont, während die Bühne weiterhin ihr Mittelpunkt bleibt. „Ballett ist für mich wie Atmen, Essen oder Trinken – es verschwindet nicht einfach“, sagt sie. Auch den Premio Carla Fracci 2026, der sich in eine Reihe internationaler Auszeichnungen einfügt, versteht sie deshalb nicht als Abschluss: „Für mich ist dieser Preis kein Schlusspunkt, sondern ein Ansporn.“ Hinter den Erfolgen stehen für Konovalova vor allem jahrzehntelange Arbeit, Disziplin und die Bereitschaft, sich immer wieder weiterzuentwickeln.





