Picasso trifft Bacon, Franz West revolutioniert: Kunstherbst in der ALBERTINA

Beitragsbild: © The Estate of Francis Bacon /All rights reserved / Bildrecht, Wien und DACS, London 2026

Picasso trifft Bacon, Franz West holt die Kunst vom Sockel: Mit zwei großen Ausstellungen widmen sich die ALBERTINA und ALBERTINA MODERN Künstlern, die den Blick auf Körper, Mensch und Skulptur radikal verändert haben. Zwei starke Kunsttermine für den Herbst und Winter.

Picasso & Bacon: Was es heißt, Mensch zu sein

Zwei Künstler, zwei Generationen – und eine gemeinsame Obsession: der Mensch. Unter dem Titel „PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human“ bringt die ALBERTINA bis 31. Jänner 2027 Pablo Picasso und Francis Bacon in einer großangelegten Gegenüberstellung zusammen. Rund 70 Schlüsselwerke aus internationalen Museen und Privatsammlungen zeigen, wie eng die Bildwelten der beiden Jahrhundertkünstler miteinander verbunden sind.

Für Bacon war Picasso mehr als ein großes Vorbild. Unter dem Eindruck seiner Arbeiten fasste er den Entschluss, selbst Maler zu werden. Ein Leben lang sollte er mit dieser übermächtigen Vaterfigur der Moderne ringen. Was Picasso für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war, wollte Bacon für die zweite sein: ein Chronist des Menschseins in all seiner Schönheit, Brutalität und Zerrissenheit.

Körper unter Spannung

Besonders deutlich wird diese Verbindung dort, wo es körperlich wird. Picasso und Bacon zerlegen den menschlichen Körper, setzen ihn neu zusammen, verzerren und verwandeln ihn. Ihre Figuren sind keine idealisierten Abbilder, sondern Projektionsflächen für Schmerz, Begierde, Angst und Verletzlichkeit. Kreuzigungen und Schreie, Stierkampf und Akte, Erotik und Gewalt ziehen sich durch ihre Werke. Der Körper wird zum Schauplatz existenzieller Erfahrungen – und die Malerei zum schonungslosen Spiegel einer modernen Gesellschaft, die ihre Gewissheiten längst verloren hat.

Spannend ist dabei auch die umgekehrte Perspektive: Picasso war zwar nicht von Bacon beeinflusst, verfolgte dessen Karriere jedoch aufmerksam. Die Ausstellung macht daraus keinen simplen Vergleich, sondern einen Dialog über Generationen hinweg. „PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human“ ist bis 31. Jänner 2027 in der ALBERTINA zu sehen.

Franz West: Kunst zum Anfassen

Seit 6. November 2026 rückt in der ALBERTINA MODERN ein Künstler ins Zentrum, der das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Publikum grundlegend verändert hat. „Franz West. Die Revolution der Skulptur“ widmet dem Wiener Ausnahmekünstler anlässlich seines 80. Geburtstags eine umfassende Retrospektive.

Franz West (1947–2012) war Nonkonformist mit Humor, Eigensinn und einer gesunden Abneigung gegen Ehrfurcht vor der Kunst. Er war mehrfach auf der Documenta und der Biennale von Venedig vertreten und wurde 2011 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Vor allem aber entwickelte er eine künstlerische Sprache, die bis heute erstaunlich gegenwärtig wirkt.

Runter vom Sockel, rein ins Leben

Vom Wiener Aktionismus geprägt, begann West in den 1970er-Jahren mit seinen legendären „Passstücken“. Diese prothesenartigen Gebilde sollten nicht einfach betrachtet werden. Man konnte sie tragen, halten, anlegen und mit dem eigenen Körper ausprobieren. Damit verschob West die Regeln: Das Objekt war nicht länger unantastbares Kunstwerk, das Publikum nicht länger stiller Beobachter. Kunst wurde zur Situation, zum sozialen Experiment und manchmal auch zur ziemlich absurden Begegnung. Darin liegt die anhaltende Radikalität seines Werks. West verbindet Kunst und Alltag, Körper und Objekt, Ernst und Ironie. Er holt die Skulptur buchstäblich vom Sockel und stellt sie mitten ins Leben.

Ein Franz-West-Herbst für Wien

Anlässlich seines 80. Geburtstags im Februar 2027 widmen gleich zwei Wiener Häuser dem Künstler Ausstellungen. Am 5. November 2026 werden sowohl die große Werkschau in der ALBERTINA MODERN als auch „Franz West und Wien“ im Wien Museum eröffnet. „Franz West. Die Revolution der Skulptur“ ist von 6. November 2026 bis 29. März 2027 in der ALBERTINA MODERN zu sehen.

Kunst, die nicht auf Distanz bleibt

So unterschiedlich Picasso, Bacon und West gearbeitet haben, verbindet diese beiden Ausstellungen doch eine zentrale Frage: Was passiert, wenn Kunst den Menschen nicht bloß abbildet, sondern ihn unmittelbar betrifft? Bei Picasso und Bacon wird der Körper deformiert, aufgerissen und psychologisch aufgeladen. Bei West wird er selbst Teil des Kunstwerks. Das Ergebnis sind zwei Ausstellungen, die Kunst nicht als dekorative Oberfläche verstehen, sondern als Erfahrung – manchmal unbequem, manchmal humorvoll und ziemlich nah dran an der Frage, was es eigentlich bedeutet, Mensch zu sein.

Öffnungszeiten ALBERTINA
Täglich von 10 bis 18 Uhr
Mittwoch und Freitag von 10 bis 21 Uhr

INFO:
www.albertina.at

Carla Hoffmann
Carla Hoffmann
Redakteurin Vormagazin

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