BARBARA KAUDELKA ÜBER „DAS LEDERLABERL„
Das laue Junilüfterl weht über die Public-Viewing-Area, der herbe Duft von Hopfenlimonade und Grillwurst steigt in die Nase und der Platz vor der Leinwand verwandelt sich in ein wurlertes, farbenfrohes Trikot-Gemälde. Ein schriller Pfiff, Sprechchöre schwellen an, die ersten Schwalben fliegen tief über den Rasen: La-Ola-Welle für König Fußball!
Weltmeisterschaft steht auf dem Menü – Österreich vollzieht den sportmedialen Einkehrschwung und tauscht den Abfahrts-Ski gegen Vuvuzela und Stollenschuh; selbst den abgebrühtesten Sportmuffel packt die Begeisterung für das Runde, das ins Eckige muss. Alle vier Jahre entdeckt das Land seine Fußballseele neu und schwupps haben wir über Nacht 9,2 Millionen Nationaltrainer: Da diskutiert die Trafikantin über Pressinglinien und xGoals, der Jusstudent beschwört das präzise Scheiberlspiel und jener Nachbar, der sonst nur über die Hausverwaltung grantlt, erklärt, warum ein 4-2-3-1-System „international ned funktioniert“.
Sie alle verbindet nicht nur das in Wien so genüsslich zelebrierte Klugscheißerl, sondern vor allem der Spaß am Dabeisein. Vor Ort dabei ist auch der „zwölfte Mann“ – zum Glück, denn ohne Fans wär in jedem Stadion tote Hose. Die Engländer reisen grundsätzlich an, als handele es sich um eine Mischung aus Pilgerfahrt und Junggesellenabschied.
Die Brasilianer tanzen selbst beim 0:2-Rückstand noch Samba auf den Rängen und die Deutschen haben zur Sicherheit einen Ordner mit dem Titel „Effiziente Jubelvarianten 2026“ vorbereitet. Experimentell präsentiert sich dafür das Gesamtkonzept des Bewerbs – das heurige FIFA-Credo: Bigger, better, bistdudeppat! 48 Teams, drei Gastgeberländer, 104 Spiele! Logistisch ist die ganze G’schicht mit Sicherheit ka Jausengegner: Einige Teams müssen zwischen zwei Spielen oft tausende Kilometer zwischen den USA, Kanada und Mexiko herumfliegen.
Dieser CO₂-Fußabdruck fühlt sich eher nach Blutgrätsch’n an. Und dennoch: Der Magie einer Fußball-WM kann man sich nur schwer entziehen. Mir geht’s da ganz genauso. Sie verwandelt die Welt für vier Wochen in einen riesigen Stammtisch. Menschen, die sonst nie miteinander reden würden, liegen einander jubelnd in den Armen wegen eines verwandelten Stanglpasses in der 89. Minute. Fremde mit bunten Perücken, seltsamen Hüten und farbigen Streifen im Gesicht schreien gemeinsam Fernseher in Beisln, Schanigärten oder Hinterhöfen an und die Grätzl-Begegnungszone verwandelt sich zum „Arbeitskreis Abseitsentscheidung“.
Und samma uns ehrlich: An einem warmen Juniabend in munterer Gesellschaft vor einem spannenden WM-Match zu sitzen und mit einem kühlen Blonden in der Hand seiner Nationalelf die Daumen zu drücken, klingt jetzt ned so z’wider, oder? Schau ma mal, ob ma zum Schluss dann schreien: „I wea narrisch, jetzt ham uns die den Schas g’wonnen!“



